Keine Rezension zu Ulrich Kochs "Am Ende reisen wir früher zurück"
Die ganze Welt ist voller Sätze, die keiner gesagt hat. Das ist nicht neu. Dass es aber immer noch Gedichtbände gibt, das ist ein großes Glück. Hier mal ein kurzer Dank an alle Verlage, die weiterhin Gedichtbände veröffentlichen. Ihr seid wahnsinnig. Denn für die meisten Leute scheinen Gedichte ja so etwas zu sein wie Free Jazz oder vegane Krokodilstränensuppe.
Dabei macht das Lesen von Gedichten klüger, glücklicher, gründlicher, es macht aufgeregt und gelassen gleichzeitig. Und wenn man Glück hat, dann erzählen einem Gedichte etwas über das eigene Leben.
Ulrich Kochs neuer Gedichtband Am Ende reisen wir früher zurück. Elementare Gedichte N° 0 bis N° 100 gehört zu dieser Sorte (sein letzter, vorletzter, vorvorletzter und vorvorvorletzter Gedichtband übrigens auch).
Ich möchte keine Rezension über "Am Ende reisen wir früher zurück" schreiben. Ich möchte nichts analysieren oder offenlegen, ich möchte Ulrich Koch auch nicht irgendwo zwischen anderen Dichter:innen einordnen oder erklären, was diese Gedichte bedeuten. Gott bewahre. Ich möchte eigentlich nur sagen: Lest dieses Buch. Und wenn ihr keine Gedichte lest, dann lest dieses Buch erst recht.
Das Bemerkenswerteste an Ulrich Kochs Gedichten ist vielleicht, dass sogar meine Mutter sie lesen könnte und danach mit dem einen oder anderen seiner Sätze durch den restlichen Tag gehen würde.
Wenn dann der Nachbarskater durch ihren Garten streunt, könnte sie ihm entgegenrufen: "Verwechsle die Toten nie wieder mit Alpenglühen."
Oder wenn der Scherenschleifer klingelt, könnte sie öffnen und sagen: "Tröste die Flotte, wenn sie weint."
Ulrich Koch schreibt Gedichte, für die man kein Germanistikstudium benötigt, keinen Beipackzettel und kein Wörterbuch literaturwissenschaftlicher Fachbegriffe. Seine Gedichte bitten die Leser:innen freundlich herein. Sie sprechen von Dingen, die jeder kennt: Eltern, Kindern, Liebe, Schlaflosigkeit, Regen, dem Älterwerden, dem Sterben. Doch plötzlich geschieht etwas, für das es im gewöhnlichen Leben keine Entsprechung gibt.
Bei Ulrich Koch verrutscht die Welt immer wieder um ein paar Millimeter. Eine Frau sitzt im Überlandbus, liest einen Groschenroman und isst ein halbes Brot. Und plötzlich weiß der Beobachtende nicht mehr, ob sie das Brot verspeist oder sein Herz. Am Elternhaus entdeckt jemand eine Gedenktafel. Schon zu Lebzeiten. Für die größte Leistung: das Kind dieser Eltern gewesen zu sein.
Und wusstet ihr, dass man sich vor dem Einschlafen eine einzelne Haarsträhne hinter das Ohr legen soll, damit die fernen Geräusche wiederkommen?
Man liest das und weiß sofort, dass es wahr ist.
Koch kann mit einer ungeheuren Zärtlichkeit schreiben. Aber er verwechselt Zärtlichkeit niemals mit Harmlosigkeit. Er kann einen Satz beginnen, als wollte er einem etwas Schönes zeigen, und ihn so beenden, dass man danach erst einmal die Augen schließen muss.
In einem meiner Lieblingsgedichte existiert die Stimme des Vaters auf der ältesten Tonbandaufnahme der Welt, während die Mutter auf der ältesten Fotografie zu sehen ist. Die beiden lieben sich noch immer. Es ist eine vollkommen unmögliche Vorstellung. Und eine der schönsten Ideen, die ich seit Langem gelesen habe. Allein dieses Gedicht könnte in dem Buch alle zehn Seiten abgedruckt sein, ich würde es immer wieder mit Begeisterung lesen.

Es gibt aber auch Gedichte, in denen einem das Lachen vergeht. Wenn Koch Skispringer mit Menschen vergleicht, die mit hinter dem Rücken gefesselten Händen aus Flugzeugen geworfen werden, dann ist dieser Satz darüber länger als das Gedicht selbst. Und wenn in einem hellhörigen Wohnblock das Leid zweier Kinder hörbar wird, dann handelt dieses Gedicht auch von denen, die hören und trotzdem nicht handeln.
Diese Gedichte nehmen sich ernst, aber niemals zu wichtig. Sie sind manchmal komisch, manchmal grausam, manchmal von einer Schönheit, die beinahe körperlich wehtut. Oft sind sie alles gleichzeitig.
Vielleicht liegt darin ihre besondere Größe: Ulrich Koch verzweifelt an der Welt, ohne sie aufzugeben.
Er schreibt über den Tod, als wäre er eine organisatorische Unzulänglichkeit, die man eines Tages beheben könnte.
Ulrich Koch besitzt etwas, das ich sehr bewundere: die Fähigkeit, einen staunen zu lassen, ohne vorher ein Wunder anzukündigen. Und auch hinterher geht er einfach weiter, als wäre nichts passiert.
Man kann diese Gedichte verstehen, ohne sie erklären zu können. Vielleicht ist das sogar die schönste Art, Gedichte zu verstehen.
Tja, natürlich ist das hier keine Rezension. Ich habe nichts abgewogen, keine Schwächen gesucht, keinen literarischen Standort bestimmt. Ich habe nicht einmal versucht, besonders objektiv zu sein.
Ich bin einfach begeistert.
Und vielleicht ist das ja auch eine Aufgabe von Literatur: dass man irgendwann dasitzt, ein Buch in der Hand, und unbedingt jemand anderem davon erzählen möchte.
So beginnt der Gedichtband:
"Sodann die Frage, ob man denn überhaupt
und wenn ja noch ein einziges letztes Gedicht
oder ob man nicht lieber offen und wund
den Rücken zudreht allen leeren Seiten:"
(Anfang des Elementaren Gedichts N° 0)
Mit diesen Zeilen endet Am Ende reisen wir früher zurück:
"Die Nachrufe sprechen von einem Geburtsfehler:
Zwei linke Hände habe er
gehabt, der König der Blinden.
Mit der einen machte er Licht,
mit der anderen tastete er sich
im Dunkel voran. Er habe geschrieben,
um die Welt bewohnbar zu finden."
(Letzte Zeilen des Elementaren Gedichts N° 100)
Ulrich Koch hat hundertundeins essentielle Gedichte geschrieben. Sie gehören jetzt mir. Und euch sowieso. Sie gehören allen. Und den anderen auch.
Vielleicht rufe ich heute Abend meine Mutter an und lasse mir eins der Gedichte von ihr vorlesen.
Ulrich Koch: Am Ende reisen wir früher zurück. Elementare Gedichte N° 0 bis N° 100. Jung und Jung, 2026. 144 Seiten.













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